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Für Jan Assmann begründet die „Mosaische Unterscheidung“, die im Namen der Wahrheit des einzigen Gottes alle anderen Götter als falsch ablehnt und deren Verehrung als Götzendienerei kritisiert, die Gewaltanfälligkeit des Monotheismus. Im Judentum und Christentum wird die Exoduserzählung immer wieder gelesen, um die revolutionäre Unterscheidung zwischen wahrer Religion und Götzendienst, zwischen „Israel“ und „Ägypten“ einzuschärfen. Die Religion des einen Gottes, der keine anderen Götter neben sich duldet, bildet Schablonen aus, mit denen Andersgläubige herabgesetzt werden.

 

In seiner Studie „Moses der Ägypter“ hat Assmann demgegenüber auf einen lange verdrängten Tiefenstrom der abendländischen Geistesgeschichte hingewiesen: die Faszination an der „ägyptischen“ Religion, die hinter dem Schleier der Symbole das göttliche Eine in seiner Verborgenheit verehrt. Die Weltfrömmigkeit, die auf die natürliche Evidenz der kosmischen Phänomene zurückgeht, könne als tolerantere und pluralitätsverträgliche Alternative zum exklusiven biblischen Monotheismus ins Gespräch gebracht werden. Der antike Kosmotheismus, der eigentlich ein inklusiver Monotheismus ist („Alle Götter sind eins!“), hat Techniken der Übersetzung ausgebildet, welche die eigene Religion durchlässig macht auf die der anderen hin und damit antagonistische Konstruktionen des Fremden vermeidet. Der Kosmos ist nun der entscheidende Referenzpunkt der Erfahrung des Göttlichen, nicht ein sich selbst offenbarender Gott, der sich von der Welt unterscheidet.

 

Auch wenn Assmann nach eigenem Bekunden keine systematisch-theologischen Absichten verfolgt, so ist doch deutlich, dass er selbst mit der kommunikativen Verflüssigung der Mosaischen Unterscheidung auf eine Relativierung religiöser Wahrheitsansprüche abzielt und eine Menschheitsreligion der verborgenen Wahrheit als Rezept gegen Religionskonflikte empfiehlt. Die in gedächtnispolitischer Absicht gestellte Frage ist, ob der vermeintliche „Preis des Monotheismus“, doktrinale Intoleranz und Gewalt, nicht zu hoch ist. Um diese Frage angemessen zu beurteilen, muss die Differenz zwischen Monotheismus und Kosmotheismus weiter ausgelotet werden. Hinter dieser Differenz stehen letztlich die Fragen nach dem Gottesbegriff und seiner humanisierenden Kraft sowie den gewaltkritischen Potenzialen des Monotheismus.