„Die Literatur liebt das Phantastische, das Obskure und Abseitige…“
Felicitas Hoppe im Gespräch

Die Berliner Schriftstellerin Felicitas Hoppe, deren Werk neben vielen anderen Preisen auch mit dem renommierten Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, wird am 17. Januar im Rahmen der Wiener Poetikdozentur „Literatur und Religion“ sprechen. Ihre Vorlesung steht unter der Überschrift: "Und schrieb in den Sand … Mündlichkeit und Schriftlichkeit in Religion und Literatur". Im Vorfeld führte der Theologe Jan-Heiner Tück mit ihr das folgende Gespräch.

Religion ist seit jeher Quelle bedeutender Literatur. Aber das Verhältnis von Religion und Literatur ist in der Geschichte immer auch spannungs- und konfliktgeladen gewesen. Wo sehen Sie heute mögliche Brücken, um beide in ein produktives Verhältnis zu bringen?

Felicitas Hoppe: Brückenbauer sind meine heimlichen Helden, weil ich einen Hang zum technischen Fortschritt und zum Ingenieurswesen habe. Doch Brückenbau ist ein uraltes Handwerk, und sobald man die Brücke geschlagen hat, sieht es am anderen Ende nicht anders aus: Auch dort neigt man gern zu Eingemeindungen, und jeder Autor riecht den Braten sofort. Jeder Theologe, umgekehrt, übrigens auch.
 
Gegenüber der Diagnose, es lasse sich in der Gegenwartsliteratur eine neue Unbefangenheit im Umgang mit Religion und der Gottesfrage feststellen, sind Sie skeptisch – warum?

Hoppe: Aus historischen Gründen. „Zeitgenössische Diagnosen“ sind immer kurzsichtig. Religion und Gottesfragen sind seit jeher bedeutsam und spiegeln sich in der Literatur. Das Gottesverbot ist allerdings eine rein akademische Denkfigur. Wer sich ernsthaft mit der Geschichte der Theologie, der Philosophie und der Literatur beschäftigt, wird feststellen, dass es nie eine Zeit des Desinteresses gegeben hat, wohl aber eine Befangenheit, was den öffentlichen Diskurs betrifft.

Wunder, Engel, Heilige, aber auch der Teufel sind Sujets, die in der zeitgenössischen Theologie nur am Rande vorkommen. Hier scheint die Literatur weniger Berührungsängste zu haben…

Hoppe: Das hat mit der Sorge der Theologie um ihr eigenes Image zu tun, sie darf sich das fabulierende Geheimnis nicht leisten; während die Literatur, umgekehrt, diese Themen höchst geschäftstüchtig in bare Münze verwandelt: Die Literatur liebt das Phantastische, das Obskure und Abseitige, sie profitiert davon, weshalb es kein Wunder ist, dass sie diesbezüglich keine Berührungsängste hat. Teufel, Engel und Heilige haben, schon wegen ihrer spukhaften Bildhaftigkeit, einen erzählerischen Mehrwert!

Der pietätvolle Umgang mit den Handschriften im Marbacher Literaturarchiv hat Sie zu der Bemerkung veranlasst, dass uns Reliquienkulte, aller Aufklärung zum Trotz, nicht ganz fremd seien. Diese würden umso bedeutsamer, je mehr wir rituellen religiösen Boden unter den Füßen verlören. Könnten Sie das verdeutlichen?

Hoppe: Aber ja. Der Mensch will nun mal berühren, was er verehrt. Er sehnt sich nach Konkretion, Wärme und Anschaulichkeit. Allen puristischen reformatorischen Ansätzen zum Trotz bleibt er verliebt in die Reliquie; das hat mit dem Wunsch des Menschen nach Zeugenschaft und vermeintlicher Echtheit zu tun. Und, nebenbei, mit den Ritualen intellektueller Gemeinschaften, die denen religiöser Gemeinschaften in nichts nachstehen. Eine Handschrift von Kafka ist heute mehr wert als die Bibel.

Bis vor kurzem schien vielen der Himmel sterbenslangweilig, die Hölle von vorgestern, das Purgatorium ein mittelalterlicher Mythos. Es blieb der Limbus als Chiffre der Zeit: ein Warteraum, in dem man sanft dahindämmert, sich hier und da vergnügt, metaphysische Fragen belächelt und die Sehnsucht nach einem anderen, besseren Ort verlernt hat. Mit den Terroranschlägen hat sich das spürbar geändert. Menschen, die sich das Paradies erhoffen, wenn sie sich selbst in die Luft sprengen und dabei möglichst viele andere mit in den Tod reißen, hinterlassen – inzwischen auch in den Metropolen Europas – Bilder der Hölle. Verändert das Ihr Schreiben?

Hoppe: Nein! Der Himmel ist, jenseits aller terroristischen Paradiese, die natürlich alles andere als himmlisch sind, bis heute literarisch vollkommen unausgelotet; nicht weniger als die literarisch ziemlich inflationär und entsprechend langweilig ausgelotete Hölle; mein eigenes Schreiben bezieht sich nach wie vor auf das Diesseits, auf das Hier und Jetzt; dass uns der Himmel im Vergleich zur Hölle so langweilig erscheint, ist nicht zuletzt der Literatur von Dante bis Dato geschuldet. Bleibt also nur noch das Fegefeuer dazwischen; der qualvollste und darum menschlichste Raum von allen, der in den Schweizer Sagen übrigens einen ganz besonderen Platz einnimmt.

In den sozialen Netzwerken ist heute ein erstaunliches Schwarmverhalten zu beobachten. Wut- und Empörungswellen brechen sich Bahn – was hat das Wort einer Schriftstellerin dem entgegenzusetzen?

Hoppe: Falls es nicht mitschwimmt, leider Gottes oder Gottseidank, gar nichts.
 
Wenn Sie fünf Bücher mit auf eine ferne Insel nehmen dürften, welche wären das?

Hoppe: Da halte ich es ganz mit Gilbert K. Chesterton: Nur ein einziges: Ein Buch über Schiffsbau – um so schnell wie möglich wieder zurück in die wirkliche Welt zu kommen, auch wenn es sie nicht mehr gibt.

Sie sind viel unterwegs. Ihr erster Roman Pigafetta geht auf eine Weltreise auf einem Containerfrachtschiff zurück. Dabei haben Sie sich gewissermaßen selbst aufs Spiel gesetzt und eine Art Abgleichung der vorgestellten mit der wirklichen Welt versucht – ein delikates Unterfangen…

Hoppe: Nicht delikat, eher monastisch.

Felicitas Hoppe hat ein Buch HOPPE geschrieben und sich darin im Spiegel der anderen neu erfunden. Die Kirchenväter, selbst nicht die schlechtesten Schriftsteller, hegten den Verdacht, Literatur halte es nicht mit der Wahrheit, sie sei fiktiv und lügnerisch. Worin besteht für Sie die Wahrheit der Fiktion?

Hoppe: Ich glaube, die Kirchenväter wären von HOPPE begeistert: Offenbarung und Geheimnis zugleich.

Alle Finger zeigen auf sie – die beim Ehebruch ertappte Frau. Nur einer schreibt mit seinem Finger in den Sand ... Was reizt Sie an dieser Szene, die Sie ins Zentrum Ihrer Wiener Poetikdozentur stellen werden?

Hoppe: Der Aufschub, das Schweigen und die Souveränität gegenüber denen, die das Leben auf den Punkt des Gesetzes bringen wollen.

Vor ein paar Jahren waren Sie Torwächter im Kloster Comburg, was sagt Ihnen die Regel?

Hoppe: Allem voran, den Mund zu halten; vor allem in Bezug auf die „reisenden Brüder“.
 
Von welchem Proviant zehren Sie auf Ihren Reisen? (Thomas von Aquin bezeichnete die Eucharistie als Viaticum, als Wegzehrung, die den Menschen unterwegs stärkte und als Vorgeschmack der kommenden Herrlichkeit zugleich die Sehnsucht nach der ewigen Heimat wachhielt…)

Hoppe: Von meiner Aufmerksamkeit und davon, dass es überall einen runden Tisch, also die rettende Eucharistie gibt; dass ich also überall sein darf, wohin auch immer ich komme. Das gibt mir Sicherheit, das macht mich zuversichtlich und, an guten Tagen, sogar manchmal glücklich.

Felicitas Hoppe spricht am 17. Jänner 2017 um 18:30 im Hörsaal 47 (Hauptgebäude der Universität Wien)