Was bisher geschah     Rückblick

Felicitas Hoppe

Und schrieb in den Sand... Mündlichkeit und Schriftlichkeit in Religion und Literatur

Einführung: Jan-Heiner Tück

17.1.2017

Unter dem Titel „Und schrieb in den Sand …“ ging die Berliner Autorin Felicitas Hoppe am 17. Jänner 2017 in einer Poetikvorlesung dem Verhältnis von Mündlichem und Schriftlichem in Literatur und Religion nach. Hoppes Bücher kreisen immer wieder um das „Geheimnis der Identität“ und die „Wahrheit“ der Fiktion.

Felicitas Hoppe schreibt seit 1996 Romane und Erzählungen und wurde 2012 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Im selben Jahr erschien ihr vielbeachteter Roman „Hoppe“ (S.Fischer), zuvor ihr Roman über die Jungfrau von Orleans: „Johanna“ (2006). Bereits mehrfach nahm die Autorin Poetikdozenturen und Gastprofessuren wahr: Auch in ihren Augsburger Vorlesungen „Sieben Schätze“ (2009) widmete sie sich religiösen Fragen. In Wien stellte sie mit dem Titel eine Szene aus dem Johannes-Evangelium ins Zentrum: Alle zeigen mit dem Finger auf die ertappte Ehebrecherin, nur einer schreibt in den Sand …


Christian Lehnert

Teilchen. Cherubinische Spuren. Einer Erkundung poetischer und religiöser Sprache

Einführung: Jan-Heiner Tück

22.11.2016

Christian Lehnert führt als Dichter, Essayist und Theologe eine „Doppelexistenz“. Religiöser Ausdruck und poetische Kraft sind bei ihm untrennbar, beide „bewegen sich an den Rändern der Sprache, dort, wo die Worte noch nicht beständig sind und ins Ungesagte gleiten.

Sein Vortrag Teilchen. Cherubinische Spuren hatte das Ziel, „Elementarteilchen“, kleinste Bestandteile religiöser und poetischer Rede freizulegen. Ein Versuch, der – so Lehnert – scheitern musste. Daher verwies Lehnert abschließend auf ein Hoffnungswort Luthers, in dem es heißt, dass „Empfangen und Tun, Lauschen und Sprechen … auch für den Menschen einst in der Ewigkeit wieder in eins fallen“ und Menschen selbst „wieder zu Worten in Gottes Mund werden“.

 


Alois Brandstetter

Geistiges, Geistliches, Schöngeistiges. Gedanken eines praktizierenden Schriftstellers über Literatur und Religion

Einführung: Jan-Heiner Tück

25.10.2016

Am 25. Oktober 2016 hat der in Klagenfurt lebende und aus Oberösterreich stammende Schriftsteller und Sprachwissenschaftler Alois Brandstetter (geb. 1938) eine Poetikvorlesung über „Literatur und Religion“ an der Uni Wien gehalten. Der Romancier, der durch „Zu Lasten der Briefträger“ berühmt geworden war, und dessen jüngster Roman „Aluigis Abbild“ (Residenz, Wien 2016) sich dem Maler Peter Paul Rubens widmet, verarbeitet in seinem Werk immer wieder religiöse Fragen und Motive. Seine Poetikvorlesung untersuchte vielfältige, zwischen Literatur und Religion gespannte Verbindungen und bot damit ein buntes Panorama der von Brandstetter verarbeiteten theologischen Spuren.


Nora Gomringer

Man sieht's. Der Gott zwischen den Zeilen der Nora G.

Einführung: Tobias Mayer

16.6.2016

Nora Gomringer:

"Wo und Wer ist er also, der Gott zwischen den Zeilen der Nora G.?

Gott! Huch! Da steht er ja. Mitten auf der Zeile.

Aber sehen wir nach! Im Schriftlichen! Es zieht mich zum Text, hat es stets. All mein Sprechen kommt aus dem schriftlich niedergelegten Wort. Im Anfang war das Wort. Kann es magischer, einleuchtender zugehen für einen Dichter? Nach der Prä-Schöpfungsstille, die Noch-nicht-Welt in flirrender Nicht-Erwartung, eine erste Stille, die keine Schweigepause war zwischen zwei Wörtern, sondern die immense erste Stille vor dem allerersten Vernehmen. Wie muss sich das Wort symphonisch von unendlichem Ausmaß ausgenommen haben! Vielleicht ist’s gut, dass wir weder diese Stille noch dieses erste Vernehmen kennen, nur ahnen mögen. Und stellen Sie sich vor… die große Enttäuschung, wenn’s dann ein ganz beiläufiges Wort gewesen wäre. 'Steuer' oder 'Nichts' kommen mir in den Sinn. Was ich mir wünschte – dürfte man so etwas wünschen – wäre das 'Du' als erstes Wort. Die Erhebung durch Ernennung. [...]"

 


Thomas Hürlimann

Der Club der Atheisten. Erfahrungen eines Klosterschülers

Einführung: Jan-Heiner Tück

31.5.2016

 

Thomas Hürlimann über Krisen und Chancen des Christentums.

Das literarische Werk des Schweizer Schriftstellers Thomas Hürlimann streift viele Welten. Bei seiner Vorlesung im Rahmen der Wiener Poetik-Dozentur „Literatur und Religion“ spielte eine Welt eine besondere Rolle, die von Klostermauern umringt war, die zwischen drinnen und draußen eine scharfe Grenze zogen. Dafür ragten die beiden Türme der Stiftskirche Einsiedeln hoch in den Himmel hinein und erinnerten daran, dass die Horizontale nicht alles ist. Die Welt des jungen Thomas Hürlimann kannte die Vertikale. Die Glocken im Turm gaben das Zeitmaß an, eine andere Zeit, die dem Gotteslob morgens, mittags und abends Raum gab. Laudes, Angelus, Vesper waren die Namen dafür. Die Wiederkehr des stets Gleichen sollte einen „Vorschein der Ewigkeit“ erfahrbar machen. Doch in dieser Zeit ist der Schüler Thomas Hürlimann auch Mitglied im „Club der Atheisten“ geworden.

Später ging Hürlimann nach Westberlin und studierte dort Philosophie an der Freien Universität. Als wacher Chronist der Ereignisse nahm er Verschiebungen wahr: „Religion existierte hier nur noch als vergleichende Religionswissenschaft, Philosophie nur noch als Gesellschaftswissenschaft – Gott, Metaphysik, Transzendenz: lauter alte Hüte.“ Der Student Hürlimann empfand bei allem jugendlichen Aufbruch dieser Jahre kein wirkliches Glück – und war ehrlich genug, sich dies einzugestehen. Das „Heimweh nach den verlorenen Ober- und Überwelten“ trieb ihn um, seine „metaphysischen Antennen zappelten ins Leere“. In der Erfahrung der Liebe, der „angewandten Unendlichkeit“ (Jean Paul), glaubte er das Religiöse neu zu streifen. Aber das Absolute blieb ihm unerreichbar und sank in den Hintergrund zurück. Die Sehnsucht aber blieb.

Was Hürlimann biographisch erfahren hat: einen doppelten Riss, der ihn zunächst zum Glauben seiner Vorfahren, dann aber auch zur vollmundigen Gottesbestreitung der Atheisten auf Distanz gehen ließ, das glaubt er auch in der Gesellschaft als Ganzer wahrzunehmen. Das Verhältnis zur religiösen Überlieferung habe deutliche Risse bekommen – eine Erosion, die er durch Plutarchs Wort „Der große Pan ist tot“ verdeutlichte.


Sibylle Lewitscharoff

Mit Dante über Dante hinaus. Zum Verhältnis zwischen Literatur und Religion

Einführung: Jan-Heiner Tück

19.4.2016

 

Beim Auftakt der neu eingerichteten Wiener Poetikdozentur für Literatur und Religion an der katholisch-theologischen Fakultät widmete sich die Büchnerpreisträgerin dem Sprachklang der deutschen Übersetzungen der „Göttlichen Komödie“ von Dante Alighieri. Sibylle Lewitscharoff ließ in ihrer Vorlesung die Gesänge jener „Jenseitsreise“ selber klangvoll zu Wort kommen. Sie ging nicht nur auf solche Übersetzungen des Langgedichts ein, die die Sprachmelodie und den Rhythmus des Originals elegant imitieren, sie wies auch auf solche hin, die völlig eigene Wege gehen, um die poetische Kraft Dantes in ein neues Gewand zu kleiden. Mit virtuoser Lautmalerei haben sie vielfach die Szenen des berühmten Werks koloriert und sich dabei durchaus auch der „Schmutzfinkhaftigkeit“ des Deutschen bedient. Die Dante-Rezitation war in dieser Vorlesung jedenfalls wichtiger als die Interpretation, die ästhetische Unergründlichkeit hatte Vorrang vor verstehender Durchdringung. Dem Dilemma, dass jede Übersetzung immer einen Verrat am Original begehe, zollte Sibylle Lewitscharoff bewusst keinen Tribut. Gerade die schöpferische Freiheit der Übertragungen ehre am meisten das Original. Auch das darf man als Leistung und „poetischen Freiheitsgewinn“ der Dichtung Dantes verbuchen.

Bericht über die Auftaktveranstaltung mit Sibylle Lewitscharoff (Tobias Mayer)