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Fragen über „Literatur und Religion“ an Alois Brandstetter

Der österreichische Schriftsteller und Philologe Alois Brandstetter (geb. 1938) ist ein Urgestein des österreichischen Literaturbetriebs. Nach zahlreichen Romanen und vielfachen Auszeichnungen folgte vor Kurzem sein neuer Roman „Aluigis Abbild“ (Residenz, Wien 2016). Dort widmet er sich dem Maler Peter Paul Rubens und seiner Verweigerung eines Auftrags, ein Heiligenbild zu malen. Hier, wie überall im Werk Brandstetters, finden sich immer wieder religiöse Fragmente, die von einem steten theologischen Interesse des Autors zeugen. Im Vorfeld seiner Poetikvorlesung in Wien am 25. Oktober 2016 hat Alois Brandstetter einige Fragen zum Themenfeld „Literatur und Religion“ beantwortet.

 

Lieber Herr Brandstetter, Literatur verstehe sich auf keinen Himmel und keine Erlösung, hat Ingeborg Bachmann einmal bemerkt. Ein literarisches Werk ist kein theologischer Traktat, und steile theologische Exkursionen in einem Roman gelten – mit seltenen Ausnahmen – als wenig förderlich für die poetische Qualität eines Textes. Wie nahe sind sich Literatur und Glaube in Ihrem Werk?

In meinen Romanen spielt Kirchliches, Christliches, Katholisches eine große Rolle, eine Vorliebe auch für die abendländische, von der Religion bestimmte Kultur. Trotzdem erschrak ich manchmal, wenn man mich als christlichen oder frommen Autor „einführte“. Eine Ehre, die ich nicht verdiene. Ich bin kein Theologe.  Da geht es mir wie dem reichen Jüngling in der Bibel (Lk 18,18-27), der „weitgehend“ richtig handelt, aber dann doch an seine Grenze geführt wird, wo er nicht mehr mitkann und traurig weggeht… In meinem letzten Roman „Aluigis Abbild“ (Wien 2016) habe ich einen „reichen Jüngling“ beschrieben, der das verlangte Kunststück zuwege gebracht hat, aber um einen Preis (Weltverachtung), der mir zu hoch erscheint. Meine Sympathie ist darum eher bei Peter Paul Rubens, dem weltfrommen  Weiblichkeits- und Weltverherrlicher (der ein „ritratto“ des Heiligen „unterläßt“). Ich bin sicher kein „katholischer Atheist“, aber wenn man mich nach meinem Gottesbild fragt, komme ich ins Stottern…

 

Will man das literarische Schreiben als „mystischen“ Vorgang bezeichnen, wie es manch einer tut, dann könnte der Geist der Inspiration mit dem Spiritus sanctus in einer engen Verbindung stehen, ohne mit ihm identisch zu sein… Wer oder was inspiriert Ihr Schaffen?

Ja Kunst, jedenfalls die mir zugängliche, hat einen solchen Mystik- und Spiritualitätsfaktor, der sie schafft ist ein „begnadeter“ Mensch. Mindestens aber ein „Zauberer“ als den Familie und Leser Thomas Mann empfunden haben. Das „Zauberhafte“ ist vielleicht eine  säkulare Vorform des sakral Mystischen. Genies (wie Theodor Fontane) sind geheimnisvoll und rätselhaft… Hierher gehören „Talent“ und „Charisma“. Gaben des (Heiligen) Geistes? Ich habe mich einmal gegen die liberale Ansicht Karl Rahners ausgesprochen, der in einer Festschrift des Otto Müller-Verlags geschrieben hat, alles Kreative sei an und für sich christlich.

 

Vor einiger Zeit grassierte die Rede von der „Wiederkehr des Religiösen“ in der Literatur. Ohne Frage ist Religion ein üblicher Bestandteil der Gegenwartsliteratur: durch ironische Bezüge, biographische Reminiszenzen, ästhetische Faszination, oder als Objekt der Verarbeitung „ekklesiogener“ Neurosen. Beobachten Sie darüber hinaus theologische Subtexte und Elemente der Gottesrede in der heutigen Literatur?

An all dem bin ich literarisch beteiligt: Ironische Bezüge (etwa kindliche Mißverständnisse der Sprache der Kirche: Von Tannen er kommen wird…), Biographische Reminiszenzen, ekklesiogene Neurosen (Überwindung der Blitzangst, Ausfälle, Von den Halbschuhen der Flachländer und der Majestät der Alpen etc.), Ästhetische Faszination von Liturgie und Volksfrömmigkeit (Die Abtei, Aluigis Abbild), Reiz der Alterität der biblischen Sprache. Stellenweise Versuche einer tiefergehenden „Gottesrede“, aber große Zweifel, daß mir das für andere nachvollziehbar gelungen ist. Erzieherische Mißerfolge im näheren Umfeld… Was man mir nachsagt (ankreidet): Große Nachsicht mit dem „Bodenpersonal“ (etwa im Gegensatz zu Heinrich Böll).

 

Ihr unvergessenes Debut ging ja bekanntlich „zu Lasten der Briefträger“, in der späteren „Abtei“ ging dann einiges zu Lasten der Klosterbrüder. Gibt es vielleicht in der Brandstetterschen Schreibwerkstatt auch noch eine Ecke, in der Notizen „zu Lasten der Theologen“ gesammelt werden? Mit anderen Worten: Wie ist das Verhältnis des Schriftstellers zur Theologie?

Das könnte vielleicht ein wenig in meinem Vortrag anklingen. Aber viel theologische Literatur habe ich nicht gelesen. In dem Buch von Piet Schoonenberg, dessen Titel mir einleuchtet („Auf Gott hin denken“) habe ich das Kapitel studiert, wo der Autor eine Idee seines Freundes Karl Rahner weiter ausführt, nämlich „Gott“ nicht als „unabänderlich“ zu denken, sondern „Gott ändert sich im andern“. Andern, glaube ich, ist nicht als „im andern Menschen“, sondern als „Wechsel“ zu lesen. Kardinal König habe ich einmal sagen gehört, der Glaube (die Gottesvorstellung) müsse mit dem älter werdenden Menschen wachsen. Vielleicht ist es schwer den Kinderglauben zu „überwinden“. Meistens gerät der Mensch dann in den Nihilismus…

Alois Brandstetter spricht am 25. Oktober 2016 um 18:30 im Hörsaal 47 (Hauptgebäude der Universität Wien)